Leben wie Gott in Frankreich

Rhone bei Lyon mit FahrgastschiffLyon Sonnenuntergang Foto: Angelika Fischer


Eine Reise an die Rhône zur Wiege französischer Kochkunst und Esskultur


Eine Landschaft wie aus dem Bilderbuch ist Südfrankreich, und jeder denkt sofort an Sonne, Strand, warme Sommer, südliche Sonne und blaues Meer. Diesmal aber führt unser Weg in weniger bekannte Gefilde als in die Provence oder an die Côte d’Azur. Abseits ausgetretener Touristenpfade gibt es insbesondere im Herbst zur Zeit der Weinlese in der Gegend um die Rhône vieles zu entdecken und zu erschmecken: Kunst und Kultur ganz allgemein – und im Besonderen Koch-Kunst und Ess-Kultur.
Im Zentrum der Region liegt die 2000 Jahre alte Stadt Lyon, die mit Fug und Recht als Wiege der
französischen Kochkunst bezeichnet werden kann.

Lyon
Karte des Anbaugebietes Côtes du Rhône Grafik: Inter Rhône

Wer es in Paris als Küchenchef zu Ansehen und Sternen gebracht hat, stammt nicht selten aus dieser Gegend, in der Milch und Honig fließen. Einer der berühmtesten Köche der Welt war hier zu Hause: Paul Bocuse, bis zuletzt aktiv und 2018 im
Alter von 91 Jahren verstorben, hat es seinerzeit vorgezogen, nicht nach Paris zu gehen, sondern zu
bleiben, wo seine Wurzeln waren und er die besten, schmackhaftesten Produkte direkt vor der
Haustür fand.

So lange er lebte, wurde er als Vater der „Nouvelle cuisine“ bezeichnet und sein Restaurant in einer Kleinstadt nördlich von Lyon mit drei Michelinsternen ausgezeichnet.
Sein Handwerk hat Bocuse einst bei einer Frau gelernt: Eugénie Brazier, genannt „Mère Brazier“,
war eine der berühmten „Mütter“ von Lyon. Sie selbst, Jahrgang 1895, erhielt als erste Frau
überhaupt im Jahr 1933 drei Michelinsterne. Sie weilt natürlich nicht mehr unter den Lebenden,
aber ihr Restaurant „Mère Brazier“ hat überlebt, und es weht noch immer ein Hauch ihres Geistes
durch die Räume… Diese „Mères“ genannten Köchinnen waren im Lyon der ersten Hälfte des 20.
Jahrhunderts eine Institution. Sie führten selbstständig ihr Restaurant, kochten bodenständige
Gerichte aus frischen Produkten der Region zu erschwinglichen Preisen und stellten so einen
Kontrapunkt dar zur raffinierten, bisweilen schon dekadenten „Haute Cuisine“ des Großbürgertums.
Im Restaurant begegnet man Eugénie Brazier dann sogar persönlich in Form eines ganz und gar
lebensecht wirkenden Fotos: Sie wirkt weder schön noch elegant, dafür rund und gesund, resolut
und mit beiden Beinen im Leben stehend. Man kann sich gut vorstellen, wie sie einst „Liebe und
Hiebe“, beides wohl dosiert, zum Einsatz brachte, um dem jungen Paul Bocuse das Einmaleins des
Kochens beizubringen…

Eugénie Brazier Köchin
Die Dreisterne Köchin Eugénie Brazier in Lyon – die Lehrmeisterin von Paul Bocuse Foto: Archiv

Die heute berühmteste Köchin der Region lebt allerdings nicht in Lyon, sondern rund 93 Kilometer
flussabwärts in der Stadt Valence: Es ist Anne-Sophie Pic, Jahrgang 1969, der 2007 das Kunststück
gelang, nach 56 Jahren Pause als vierte Köchin der Geschichte mit drei Michelinsternen
ausgezeichnet zu werden. Dass sie es geschafft hat, in diesen „Koch-Olymp“ emporzusteigen, war
ein nationales Ereignis und ist nicht zuletzt erblich bedingt: Bereits ihr Großvater Alain Pic und ihr
Vater Jacques Pic waren Köche – beide ausgezeichnet mit jeweils drei Sternen, was für Anne-
Sophie nach eigener Aussage einen nicht zu unterschätzenden Ansporn bedeutete. Heute führen sie
und ihr Mann das „Maison Pic“ – ein kleines, aber feines Luxushotel mit berühmtem
Aushängeschild: dem Drei-Sterne-Restaurant „Anne-Sophie Pic“. Wenn man Lust darauf hat,
einmal die Kochkunst dieser legendären Köchin kennenzulernen und die Reisekasse es zulässt,
sollte man die Gelegenheit wahrnehmen und Valence besuchen. Mittags und abends geöffnet, ist
allerdings für einen Tisch im Restaurant rechtzeitiges Reservieren grundsätzlich ein Muss! Umweltfreundlich mit dem ZUg (ICE/TGV) sind es rund 10 Eisenbahnstunden und ein Ticket kostet durchschnittlich 157 Euro/Person. Wer termlich flexibel ist, der kann wesentlich günstiger ein Ticket kaufen.