Geld, Macht und Korruption – die Story einer unheilvollen Verquickung am English Theatre of Hamburg
Harter Tobak und nichts für schwache Nerven ist das neue Stück „The Invisible Hand“, das am 5. September Deutschland-Premiere feierte im English Theatre of Hamburg (ETH) und bis 1. Novemer 2025 dort auf dem Spielplan steht. Alles spielt sich ab in einer kargen Gefängniszelle irgendwo in Pakistan, wo eine Gruppe militanter, islamistischer Revolutionäre einen US-amerikanischen Banker gefangen hält – nur ist es leider nicht der von ihnen ins Visier genommene CEO der Citibank, sondern aus Versehen ein kleiner Bankangestellter namens Nick, der gegen ein Lösegeld von 10 Millionen US-Dollar wieder freigelassen werden soll… Da Nick für niemanden, weder für seinen Arbeitgeber, geschweige für seinen Staat, wichtig genug ist, um die geforderte Summe für ihn zu bezahlen, sitzt er zur Untätigkeit verdammt in seiner Gefängniszelle und läuft zunehmend Gefahr, von seinen Kidnappern irgendwann als überflüssig bewertet und erschossen zu werden. Seine beiden einzigen Trümpfe, die ihm eventuell das Leben retten könnten, sind sein überdurchschnittlicher Intellekt und sein professionelles Verständnis für die globale Finanzwelt.
Seine drei Gegenspieler sind der schlicht gestrickte Wärter Dar, zu dem Nick vorsichtig versucht, per à peu ein etwas menschlicheres Verhältnis aufzubauen, indem er sich nach dem Befinden von dessen Mutter erkundigt und ihm einen nützlichen Tipp für ein lukratives Geschäft mit der Kartoffelernte eines Verwandten gibt. Gerade, als das zu fruchten beginnt, taucht der zweite Gegenspieler auf: ein vorgesetzter, linientreuer Offizier namens Bashir, der die aus seiner Sicht illegalen und gegen die Regeln des Islam verstoßenden Geldgeschäfte Dars entdeckt hat und diesen dafür anschreit und zusammenschlägt. Dritter im Bunde ist der Ranghöchste: der schon etwas ältere Würdenträger Imam Saleem, geistliches Oberhaupt und gleichzeitig Revolutionsführer, der edel gekleidet und mit abgeklärter Sanftmut auftritt – sich jedoch, sobald jemand wie Nick sich nicht seinen islamistischen Regeln unterwirft, unvermittelt cholerisch, brutal und körperlich übergriffig verhalten kann.

Foto: ETH/ Stefan Kock
Angesichts dieser zunehmenden Gefahr und der Hoffnungslosigleit seiner Lage, bietet Nick in einem verzweifelten Versuch an, sein Lösegeld in Höhe von zehn Millionen Dollar durch eigenes Agieren am Computer und entsprechende Manipulation des Finanzmarktes selbst aufzubringen. Imam Saleem willigt ein – die Aussicht, seine politische Revolution gegen Macht und Korruption des Systems damit zu finanzieren, wirkt stärker als das Einhalten strenger islamischer Gesetze… Allerdings stellt er eine Bedingung: Nicht Nick darf den herbeigeschafften Laptop bedienen, sondern einzig und allein Bashir, dem Nick Erklärungen und Anweisungen zu geben hat, damit dieser den Umgang mit der globalen Finanzwelt von ihm lernt. Das Unternehmen läuft blendend, der strenge Muslim Bashir mutiert dabei zu einem internationalen Finanzhai und erweist sich nach und nach als weitaus besserer Schüler, als es Imam Saleem lieb sein kann…
Mehr soll an dieser Stelle nicht verraten werden, um die Spannung nicht zu nehmen… Doch sei darauf hingewiesen, dass im Laufe des Stückes sowohl eine brutale Hinrichtung außerhalb der Gefängniszelle, als auch eine Scheinhinrichtung vor den Augen der Zuschauer ststtfindet. Wie eingangs gesagt: harter Tobak und nichts für schwache Nerven! Auch sind sehr gute Englischkenntnisse nötig angesichts dieses dialoglastigen, einiges an Finanzwissen voraussetzenden Stoffes.
Weltpremiere feierte das intelligente, anspruchsvolle Stück von Pulitzet-Preisträger Ayad Ashtar 2014 im New York Theatre Workshop. Im English Theatre of Hamburg agieren unter der Regie von Clifford Dean vier exzellente Darsteller, die am Ende der Vorstellung zu Recht mit standing ovations belohnt wurden: Lee White als Gefangener Nick, Aliyaan Asif als Wärter Dar, Ismail Khan als Offizier Bashir und Rohit Gokani als islamisches Oberhaupt Imam Saleem.
Am Ende fällt dem Zuschauer eine historische Analyse ein, die Protagonisten der Französischen Revolution betreffend: „Die Höchsten stürzen am tiefsten. Das Rad der Revolution trägt sie nach oben empor, dann stürzt und zuletzt zermalmt es sie unter sich.“ Der endgültige Schluss des Stückes bleibt von daher offen.
