Unverpackt, ganz schön schwierig zur Zeit

Unverpackt Laden - Hinweisschild in AltonaStückgut in Hamburg Altona sorgt als Unverpackt Laden für Zero Waste © Norbert Schmidt

Die tapfere und engagierte Hamburger Unverpackt-Szene verspürt einen kräftigen Gegenwind, der nicht nur viel Kraft kostet. Die massiven Veränderungen des Käuferverhaltens während des Corona-Lockdowns, des Ukraine-Krieges und der Inflation sind die Zutaten für einen schweren Sturm. Besonders im Sommer 2021 fielen die Umsätze in der jungen Branche drastisch geringer aus. Fatal für die Unverpackt-Läden, zum Ladenkonzept gehört häufig ein kleines Café. Corona-bedingt waren sie geschlossen. Das wirkte sich nicht nur negativ auf die Kundenfrequenz aus, auch die Umsätze brachen ein.

So musste der Unverpackt-Laden Seppels am Bramfelder Dorfplatz zum 14. Mai schließen. Nach Eigenangaben waren alle Reserven waren aufgebraucht. Die Hamburger Unverpackt-Ladner*innen (so ihre Eigenbezeichnung) haben lange gezögert, mit ihrer Situation an die Öffentlichkeit zu gehen. Nachvollziehbar, obwohl ihre Botschaft: ’nachhaltig, natürlich, unverpackt‘ positiv sympathisch ist, möchte man nach außen seine Probleme nicht ausrollen.

Ausverkauf in einem Geschäft
Die Depot Filiale in den Großen Bleichen in der Hamburger City wird geschlossen © Norbert Schmidt

Großer Strukturwandel im gesamten stationären Einzelhandel

Viele Bereiche des klassischen Einzelhandels sind in der Krise und die Folgen der Corona-Pandemie haben den Strukturwandel beschleunigt. Große Ketten wie Staples, Esprit, Pimkie sind insolvent, Conrad Electronic verkauft nur noch Online. Die Sportschuhkette Runners Point schließt alle Filialen. Handelsketten wie Depot, Douglas, H&M, Orsay, Primark dünnen ihr Filialnetz teilweise massiv aus. Auch der Elektronikriese Media Markt Saturn plant Filialschließungen. Das Start up MyMuesli musste fast alle Filialen schliessen.

Die Aufgaben für Unverpacktläden sind groß: Zum einem müssen Stammkunden, die Corona-bedingt ausgeblieben sind, zurückgewonnen werden. Weiterhin müssen neue Kunden gewonnen werden. Jeder Kunde, ob Lauf- oder Neugierkunde, zählt und ist die Chance aus ihm einen Wiederholungskunden zu entwickeln.

Dazu wollen die Hamburger Unverpackt-Läden ihre Kräfte in einer gemeinsamen Aktion bündeln.

„Unsere aktuell schwierige Situation ist in der Öffentlichkeit kaum bekannt. Wir sind Nahversorger, Geschäfte für den täglichen Bedarf mit Lebensmitteln, Haushalts- und Drogerieartikeln, überwiegend in Bioqualität, regional und ohne unnötige Verpackungen, besser geht es nicht. Aber dazu ist es wichtig, dass die Menschen wieder aktiv in unsere Läden kommen.“

Maren Schöning, eine der Inhaberinnen vom Unverpackt-Laden „Ohne Gedöns“ in Volksdorf

Wirtschaft am Wendepunkt

Eine Corona-Folge ist der Trend zum One-Stopp-Shopping und der Online-Einkauf. Die Bio-Lieferdienste melden nicht nur gute Umsätze, ihre Touren sind häufig fast ausgebucht. Bekanntlich kann man Lebensmittel immer nur einmal kaufen. Wer wöchentlich seine Lieferkiste bekommt, kauft definitiv weniger im Handel oder auf dem Wochenmarkt ein.

Das politisch-gesellschaftliche Klima ändert sich grundlegend. Das deutsche Wirtschaftsmodell ist dysfunktional geworden. Absurd lange und komplizierte Genehmigungsfahren, eine marode Infrastruktur, verschlafene Digitalisierung, Innovationsschwäche, schleppender Neubau, ständige Verzögerungen durch Klagen und pures politisches Wunschdenken waren schon vor Corona eine toxische Mischung. Aber Null-Zinsen, massive Kreditausweitungen und billiges russisches Gas und Öl haben die strukturellen Probleme übertüncht. Doch seit Spätsommer letzten Jahres hat sich der Trend gründlich gedreht. Es gibt kein ökonomisches Schlaraffenland, in dem ‚anything goes‘ das Leitmotto ist, mehr. In der deutschen Debattendemenz wurde das schlichtweg verschlafen.

#supportyourlocalunverpacktladen

Die Unverpackt-Ladner*innen sind nach wie vor hoch motiviert und glauben an das Konzept, das sie eint: Nahversorger mit persönlicher Atmosphäre, biologisch erzeugte, mit Sorgfalt ausgewählte und qualitativ hochwertige Produkte, hinter denen sie stehen und die Mission, Verpackungsmüll einzusparen.

„Dafür sind wir angetreten und dies bleibt weiterhin unser Ziel. Dafür brauchen wir jetzt die Unterstützung der Hamburger*innen: Kommt zu uns einkaufen, redet mit Freunden oder Kollegen darüber und empfehlt uns weiter, verschenkt Gutscheine, besorgt einen müllfreien Snack für die nächste Konferenz, nutzt eure Kontakte in den sozialen Medien.“

Maren Schöning

Nicht nur in Hamburg, auch bundesweit muss die junge Branche kämpfen. Wie es ausgeht ist offen. Im Endeffekt bestimmt der Kunde durch sein Kaufverhalten das Angebot. Wer alles Online bestellt oder bei anonyme Lieferdienste bevorzugt, darf sich nicht wundern, wenn es in seiner Nachbarschaft keine Geschäfte und Läden, die auch stets einen positiven Einfluss auf das soziale Leben eines Wohngebietes haben, mehr gibt.

Hier geht es zur Übersicht Hamburger Unverpackt und Zero Waste Läden.